Österreich wünscht sich mehr Miteinander, doch die Realität sieht anders aus, denn die Anonymität in den Nachbarschaften nimmt zu. Ein Vergleich zwischen der aktuellen ImmoScout24-Umfrage und dem Steirischen Nachbarschaftsbarometer 2024 liefert hier Einblicke.
Aktuelle Daten zeichnen ein widersprüchliches Bild: Einerseits sehnen sich 53 % der Österreicher:innen laut ImmoScout24 nach echtem Interesse und einem netten Plausch am Gang. Andererseits zeigt das Steirische Nachbarschaftsbarometer eine schleichende Entfremdung: Jede und jeder Fünfte kennt seine Nachbar:innen nur noch vom Sehen – eine Verdoppelung innerhalb eines Jahrzehnts.
Interesse ausschlaggebend für gute Nachbarschaft
Laut der bundesweiten Umfrage zeichnet sich eine gute Nachbarin und ein guter Nachbar nicht durch Abwesenheit aus. Im Gegenteil: Nur 19 % finden es ideal, wenn man sich komplett in Ruhe lässt. Im steirischen Vergleich geben allerdings auch 36 % der Befragten an, dass sich oft kein Kontakt unter den Nachbar:innen ergibt, weil es kein persönliches Interesse daran gibt.
Besonders die Generation 40+ sucht den Austausch. Es geht nicht um tiefe Freundschaften, sondern um das Gefühl, wahrgenommen zu werden. Wenn jemand tagelang nicht auftaucht, wünschen sich besonders ältere Menschen (35 %), dass jemand anklopft. Das kurze Gespräch am Gang oder im Stiegenhaus stellt für viele einen wesentlichen Teil einer guten Nachbarschaft dar. Österreichweit wird dies als Qualitätsmerkmal definiert. Auch in der Steiermark geben 52 % an, gelegentlich mit den Nachbar:innen zu plaudern, wenn sie sich begegnen.
Hilfsbereitschaft trotz zunehmender Anonymität
Zunehmende Anonymität tut der Hilfsbereitschaft keinen Abbruch. Zwei Drittel der Steirer:innen bewerten die Nachbarschaftshilfe als “gut” oder “sehr gut”. Ob es das Paket ist, das angenommen wird, oder die Leiter, die man sich ausleiht – die Hardware der Nachbarschaft steht. Solche kleinen Hilfestellungen im Alltag sind auch bundesweit ein großes Plus, jedoch kein Muss, um als gute Nachbarin oder guter Nachbar wahrgenommen zu werden.
Lärm als Endgegner innerhalb der Nachbarschaft
In beiden Umfragen wird Lärm als hoher Belastungsfaktor für das nachbarschaftliche Zusammenleben identifiziert. Lärm ist in der Steiermark für fast jede dritte Person der Hauptgrund für Konflikte (29 %). Auch österreichweit zeigt sich, dass der Umgang mit Lärmerregungen eine besondere Rolle spielt, wenn es um gute Nachbarschaft geht. So wünschen sich 49 %, dass Lärm durch Feiern oder Bauarbeiten im Vorhinein angekündigt wird.
Vom Wunsch zur Realität bzw. Umsetzung
So könnte man beide Studien miteinander verbinden. Die zunehmende Anonymität, die das Steirische Nachbarschaftsbarometer aufgreift, lässt sich nur durch das bekämpfen, was die ImmoScout24-Umfrage als Kernwunsch identifiziert: Ein kurzes “Wie geht’s?”, ein rechtzeitiger Zettel an der Tür vor der nächsten Feier und das Wissen, dass im Notfall jemand da ist. So ist auch die Lösung von Konflikten einfacher als gedacht. Die steirischen Daten zeigen, dass rund die Hälfte aller Konflikte durch ein direktes, persönliches Gespräch gelöst werden können. Die Ankündigung und Information vorab, die sich die Österreicher:innen wünschen, ist also auch das effektivste Tool gegen Nachbarschaftsstreit.
Fazit: Es müssen keine großen Gesten sein, um eine gute Nachbarschaft zu erzeugen. Am Ende sind es kurze Momente die zählen und in denen man den Nachbar:innen soziale Aufmerksamkeit und Respekt schenkt.
